Kann Cannabis Opioide in der Schmerztherapie ersetzen?

Pharmakologen diskutierten auf der PAINWeek-Konferenz 2019 in Las Vegas, Nevada, USA. Thema waren die unterschiedlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu der gemeinsamen Verwendung von Opioiden und Cannabis. Kann der gleichzeitige Konsum von Cannabinoiden und Opioiden die schmerzlindernde Wirkung verstärken oder sollte deren kombinierter Konsum vermieden werden? Die Referenten der PAINWeek-Konferenz 2019 beschäftigten sich mit dieser Frage. Sie waren sich einig, dass viele der mit Cannabinoiden verbundenen Effekte nach wie vor unbekannt sind.

Cannabis und Opioide gemeinsam verwenden?

Die gemeinsame Verwendung von Cannabis und Opioiden sei für viele schon lange ein Thema, sagte Chris Herndon, Pharmazeut an der Southern Illinois University in Carbondale in einem Vortrag. Der Anteil der Patienten in Primärversorgungskliniken, die eine langfristige Opioidtherapie durchführten und zusätzlich Cannabis konsumierten, liege zwischen 16% und 25%, sagte Herndon. Daher sind die potenziellen Schäden und der Nutzen sicherlich etwas, das diskutiert werden müsse.

Cannabinoide gegen Schmerzen

Es gäbe bis zu 400 Inhaltsstoffe der Cannabispflanze. 66 von ihnen lägen in der Cannabinoid-Struktur vor, darunter Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Sie hätten jeweils eine Reihe von verschiedenen pharmakologischen Eigenschaften. Viele von ihnen unterstützten die Behandlung von Schmerzen, einschließlich des Calciumkanal-Antagonismus, nachgelagerter Effekte auf lysergische Glutamatergen und potenzieller N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptor-(NMDA)-Aktivität, sagte Herndon. Er zitierte eine kürzlich durchgeführte Studie. Sie habe ergeben, dass die Ergänzung der Opioidtherapie mit medizinischem Cannabis bei Fibromyalgie-Patienten mit einer deutlichen Verbesserungen der Schmerzen verbunden war.

CBD und THC zur Schmerzlinderung

Allerdings könnte Cannabis die Schmerztoleranz auch beeinträchtigen. Hierbei könnten stimulierende Schmerzrezeptoren in bestimmten Konzentrationen eine übermäßige Wirkung entfalten, entgegnete Bradlee Rea, Pharmazeut am Kaweah Delta Health Care in Visalia, Kalifornien. THC könne die Toleranz oder die Fähigkeit eines Patienten, Schmerzen zu ertragen, tatsächlich verringern, sagte Rea. Herndon argumentierte dagegen, dass CBD und THC im richtigen Verhältnis zusammen die Schmerzen lindern könnten. Eine Studie, die zum Beispiel vier verschiedene Cannabissorten bei Patienten mit Fibromyalgie testete, fand deutlich stärkere Schmerzlinderung bei Bediol – das 13,4 mg THC und 17,8 mg CBD enthält – als bei Bedrocan, das hauptsächlich THC enthält (22,4 mg THC und <1 mg CBD).

Mehr wissenschaftliche Forschung notwendig

Das Problem sei jedoch, dass medizinisches Cannabis in der Praxis mitunter viele Überraschungen bereit halten könne, sagte Rea. Die meisten Studien, die die schmerzlindernde Wirkung von Cannabidiol untersuchten, seien nicht standardisiert in Bezug auf die Belastung, die Art und die Dosierung. Es gäbe Agonisten, Antagonisten und umgekehrte Agonisten, sagte Rea.  Es sei schwer herauszufinden, was geschähe, da es so viele verschiedene Stoffe in der Cannabispflanze gäbe. Mehr wissenschaftliche Forschung sei dringend notwendig. Rea fügte hinzu, dass Cannabidiol funktionieren könnte, indem es die Wahrnehmung der Patienten in Bezug auf ihre Schmerzen verändere. Es könnte die Schmerz-Katastrophen reduzieren oder die Menge der anderen Medikamente, die die Patienten einnehmen, senken.

Cannabis statt Opioide

Herndon sagte, dass ein klinisches Umfeld, das zunehmend Opioid-Alternativen fördere, ein Vorteil für Cannabinoide sein könnte. Er zitierte eine Studie aus dem Jahr 2019 in der fast drei Viertel der Patienten angegeben hatten,dass sie in der Lage waren, ihren Opioidkonsum vollständig einzustellen. Dies war möglich geworden, nachdem sie begonnen hatten, Cannabis gegen chronische Schmerzen einzunehmen. Eine weitere Umfrage ergab, dass etwas mehr als ein Drittel der Patienten, die in Kanada zur Einnahme von medizinischem Cannabis berechtigt sind, in der Lage waren, Cannabis durch verschreibungspflichtige Opioide zu ersetzen.

Cannabis hat eventuell Nebenwirkungen

Allerdings ist Cannabis nicht ohne Nebenwirkungen, einschließlich eventuelle auftretender erhöhter Angst, Depressionen und verminderter Testosteronproduktion. Aber alle diese Nebenwirkungen gäbe es auch mit dem Gebrauch von Opioiden, sagte Rea. Patienten mit grundlegenden Depressionen und Ängsten könnten noch anfälliger für einige Begleiterkrankungen im Zusammenhang mit beiden Medikamenten sein, ergänzte Rea. In einer Studie in Israel, die Patienten mit gleichzeitigem Gebrauch von medizinischem Cannabis und Opioiden untersuchte, zeigten Patienten mit Depression und Angst deutlich häufigere Anzeichen von Missbrauch für beide Medikamente.
Chronische Schmerzen seien eben nicht nur chronische Schmerzen – sie könnten mit Stress, Angstzuständen, Schlafstörungen und PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) kombiniert sein, sagte Rea. All dies habe einen Einfluss darauf, wie Menschen ihren Schmerz wahrnehmen. Es sei wichtig, das Gesamtbild zu betrachten und das Gesamtbild zu behandeln, anstatt nur die chronischen Schmerzen zu bekämpfen.”

Viele Faktoren beeinflussen die Wirkung von Cannabinoiden

Derzeit erlauben 22 US-Staaten die Verwendung von medizinischem Cannabis, jeder mit unterschiedlichen Vorschriften und Produkten. In New York, Colorado und Illinois zum Beispiel dürfen Ärzte medizinisches Cannabis als Ersatz für Opioide verschreiben. Letztendlich gäbe es viele Faktoren, die in die Entscheidung einfließen, die gemeinsam von Arzt und Patient getroffen werden sollten, sagte Herndon. Herndon und Rea haben keine relevanten Beziehungen zur Industrie offengelegt.